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Warum ich mir das Wort “Schlampe” aufs Bein tätowiert habe

Über kaum etwas diskutiere ich lieber als über Sex. Egal ob ich mit meiner Girl-Gang morgens um sechs in der Kneipe die alten Geschichten raushole, beim WG-Mittagessen über den Dreier bei der letzten Hausparty philosophiere oder mit der Mutti meiner besten Freundin über ihre Jugendliebe quatsche: In den letzten Jahren bin ich für meine Freund*innen und Bekannten zur ersten Ansprechpartnerin geworden, wenn sie über ihre sexuellen Probleme und Erfahrungen sprechen wollen. Einen neuen Fetisch entdeckt, Struggle in der polyamoren Beziehung? Es gibt nichts, worüber ich nicht mit ihnen sprechen würde. Egal wie intim.

Auch ich gehe mit meinem Sexleben seit meiner Jugend sehr offen um: Mein erstes Mal hatte ich mit 16, mein erstes Mal Gruppensex mit 20 und mein ältester Partner war mehr als doppelt so alt wie ich. Während ich früher noch mit meiner besten Freundin Listen schrieb, auf denen wir unsere Sexpartner verewigen wollten, habe ich das heute aufgegeben. Denn ich kriege nicht mehr alle Menschen zusammen, mit denen ich geschlafen habe. Für meine sexuelle Einstellung schäme ich mich nicht. Im Gegenteil: Ich trage sie für alle sichtbar auf meiner Haut. Ich habe mir vor drei Jahren “Slut”, das englische Wort für Schlampe, auf mein linkes Bein tätowiert. Bei einer Tattoo-Session in der Küche einer WG. Mit Tätowiernadel und Tätowierfarbe aus China. Damals war ich 18. Und ich fühlte mich ein bisschen revolutionär.

Der Tag sollte nicht der letzte sein, an dem ich mich selber tätowierte. Aber es war der erste, an dem ich vorher so wenig über ein Tattoo nachgedacht hatte. Dass ich nicht tätowieren konnte, störte mich nicht. Und auch nicht, dass ich meinen Eltern irgendwie erklären muss, was da auf meinem Bein steht. Als Punkerin trug ich meine politischen Botschaften ohnehin gerne plakativ mit mir rum. Und genau das war auch mein Schlampen-Tattoo: politisch.

Das Tattoo des Worts Slut
“Meine sexuelle Einstellung trage ich für alle sichtbar auf meiner Haut”

Nach der Online-Definition des Wortes ist eine Schlampe eine Frau, deren Lebensführung als “unmoralisch” angesehen wird. Was das genau bedeutet, definiert das Wörterbuch nicht. Wahrscheinlich, weil Moral ein ziemlich dehnbarer Begriff ist: Für mich persönlich wäre eine unmoralische Frau zum Beispiel eine Frau, die ihre Kinder missbraucht. Oder eine, die nachts durch die Fenster ihrer Nachbarn steigt, um sie im Schlaf zu ermorden.

Aber real talk – das ist nicht das, was in der breiten Gesellschaft als Schlampe verstanden wird: Für die meisten Menschen ist eine Schlampe eine Frau, die viele Sexpartner*innen hat. Und oft sogar noch konkreter: eine Frau, die mit vielen Männern schläft. Eine Frau, die genau so ist wie ich.

Mein Tattoo ist eine Botschaft an die Gesellschaft: Fick dich

Und genau deswegen startete ich schon mit 18 Jahren einen symbolischen Boxkampf gegen das Patriarchat. Während meine Mitschülerinnen sich gegenseitig für One-Night-Stands beleidigten, fand ich das frauenfeindlich und wollte dagegen ankämpfen. Ich gehe gerne mit vielen Menschen ins Bett. Solange alle Beteiligten Lust haben und auf Konsens achten, sehe ich dabei auch kein Problem. Im Gegenteil: Ich finde es großartig, mit unterschiedlichen Menschen intim zu werden. Verschiedene Körper zu spüren und besondere Momente zu teilen. Und das will ich genauso wenig verstecken wie das Tattoo an meinem Bein.


Auch bei VICE: Ich habe mich in einem der schlechtesten Tattoo-Studios tätowieren lassen


Für Hetero-Männer scheint es eine Art Trophäe zu sein, wenn sie viele Sexpartnerinnen hatten. Doch oft sind es genau die Männer, die sich im Gegenzug dazu eine möglichst unerfahrene, unschuldige Partnerin wünschen. Aber Newsflash: Erstens macht Sex eine Frau nicht weniger unschuldig. Und zweitens entlarven diese Typen ihre heuchlerische Denkweise oft schon, wenn sie von ihrer “unschuldigen” Partnerin am Ende dennoch erwarten, wie eine Profi-Darstellerin im Gangbang-Porno zu blasen.

Auch ich bekomme noch immer dumme Kommentare für mein Sexleben. Als ich vor einigen Wochen einem potenziellen Sexpartner erzählte, wie lustig ich es finde, dass ich mit all meinen guten Freunden, bevor die Freundschaft wirklich eng wurde, eigentlich immer Sex hatte, da wurde er regelrecht wütend. Er würde nicht wissen wollen, wer oder was in mir schon alles drin steckte, sagte er. Ob Typen wie er das verstehen oder nicht: Das ist verletzend. Natürlich verändert mein Tattoo die Ungleichheit in der Gesellschaft nicht. Aber es ist mein Weg, ihr mitzuteilen: Fick dich.

Ein wütendes “Fick Dich” an eine Welt, die mir vorschreiben will, wie Dinge zu laufen haben, die nur mich etwas angehen. Eine Welt, die mich schön und schlank und hetero will. An den Kapitalismus, der in der Werbung Frauenkörper als Dekoration benutzt. An eine Gesellschaft, die mich durch einheitliche Körperideale in eine Essstörung trieb. Und an 19-jährige Jungs, denen beigebracht wurde, Frauen anhand ihrer sexuellen Einstellung zu bewerten. Deshalb trage ich meine sexuelle Freiheit für alle sichtbar und in Druckbuchstaben neben meinem linken Knie.

Einige meiner Freund*innen tragen das Tattoo heute selbst

Die meisten meiner Freund*innen fanden das Tattoo damals mutig. Mittlerweile haben einige von ihnen sich die vier magischen Buchstaben auch auf ihrem Körper verewigen lassen. Meine Eltern haben es nie kommentiert. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Meine Sexpartner*innen haben geteilte Meinungen über das Tattoo: Manche halten es für einen Witz, andere freuen sich über die Botschaft. Ein Mann fragte mich einmal sehr entsetzt, warum ich mich selber als Schlampe bezeichnen würde, und wollte mich trösten. Vermutlich dachte er, ich hätte es mir aus Selbsthass tätowiert. Als ich ihm erklärte, dass ich es als empowernd empfinde, diesen negativen Begriff positiv zu besetzen, wirkte er verwirrt.

Den meisten Menschen fällt mein Tattoo nicht mehr auf. Dennoch löst es vor allem bei neuen Bekannten gelegentlich Diskussionen aus – über Feminismus, Sexualität und wie wir mit Intimität, Liebe und unseren Körpern umgehen und umgehen wollen. Sex kann nur besser werden, je offener wir darüber sprechen. Ohne diese Gespräche würde ich mich vielleicht noch immer für die einzige Person halten, die durch Penetration nicht zum Orgasmus kommt. Oder denken, dass meine Vulva irgendwie komisch aussähe. Mir macht es nichts aus, wenn meine Gynäkologin mich komisch anguckt, weil ich von “einem meiner Sexpartner” spreche. Nennt mich ruhig Schlampe. Ich nehme es als Kompliment.

Meine Tätowierung ist heute umringt von anderen und fällt nicht mehr so sehr auf wie früher. Dennoch liebe ich sie wie am ersten Tag. Sie ist die auf meinem Körper verewigte Botschaft, an die ich mich noch erinnern will, wenn ich eine alte Lady bin: Do it how YOU want it. Mein Körper gehört mir. Und niemand hat darüber zu urteilen, was ich mit ihm anstelle.

Das Tattoo habe ich bis heute übrigens nur einmal bereut. Als ich darüber nachdachte, dass es in größer noch viel besser wäre.

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